Was wäre, wenn ich heute gehe?

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von Sabrina Steiner

Photo by Daria Shevtsova from Pexels

Wie würdest Du Lebensfragen unter diesem Aspekt beantworten? Seit einiger Zeit nutze ich diese kleine, aber mächtige Frage um mich beschäftigende Themen, Gedanken und Gefühle in Relation zu setzen. Wenn ich mir selbst Fragen stelle, versuche ich diese aus dem Blickwinkel meines eigenen Lebensendes zu beantworten. Leichter gesprochen als umgesetzt. Denn wie sich das eigene Sterben anfühlt, übersteigt die eigene Vorstellungskraft. Die einzige Erfahrung, welche Du mit der Zeit danach hast, betrifft Dich nur indirekt. Nach dem Tod von anderen Menschen ist ja immer mitten in Deinem Leben. Wenn Du einen Verlust erleidest, steht Deine Welt zwar erstmal komplett still. Im Aussen dreht sich jedoch alles weiter. Schnell, oft sogar zu schnell. Dein Herz fühlt sich an, als ob es aufgehört hätte zu schlagen. Doch es gibt glücklicher- sowie ironischerweise selbst in dieser Situation eine gute Nachricht: Vor dem Tod ist ebenfalls immer mitten in Deinem Leben. Dem Einzigen, welches Du zur Verfügung hast.

Während Deines Lebens stellen sich Dir viele Fragen. Darauf Antworten zu finden ist manchmal schwierig. Jede Antwort steckt zwar bereits in Dir und ich bin inzwischen überzeugt, dass die korrekte passende Antwort stets die Liebe ist. Manchmal hören oder sehen wir Menschen jedoch nicht so genau hin. Dies habe ich jedenfalls so erlebt. Der Ruf des Herzens wurde bei mir viele Jahre durch die Geräusche meines Kopfes unterdrückt. So entstand unnötige Schwermut und es fehlte an Leichtigkeit. Darum ist es mir ein grosses Anliegen, dass Du früh erkennst, wie wertvoll aufmerksames Zuhören von Herzensklängen für Dich sein kann. In meiner Kolumne «Was wäre, wenn ich heute gehe?» nehme ich Dich daher mit in meine persönliche Gedankenwelt und teile mit Dir Fragen, welche ich mir stelle.

«Wie gehe ich mit Alltags-Entscheidungen um, seit ich dem Tod ins Gesicht blicke?»

Welche Gedanken fliessen in meine Wahl mit ein? Wie schaffe ich es bei mir zu bleiben und die eigenen Gedanken, Wünsche und Vorstellungen meines Lebens weder von Zweitmeinungen noch von gesellschaftlichen Konventionen zu stark einzuschränken?» Die meisten Entscheidungen werden auf der Basis bereits gemachter Erfahrungen getroffen. Nach einem Verlust wirbeln viele zusätzliche Gedanken und Ängste umher und verzerren die klare Wahrnehmung. Dieser Umstand erleichtert die Beantwortung von Fragen also weniger. Bedeutet freie Meinungsbildung doch in der Regel jeweils mehrere Aspekte gegeneinander abzuwägen, um eine für Dich gültige Antwort zu finden. Klar, es können andere Hilfsmittel angewendet werden. So gibt es Menschen, welche für ihre Entscheidungen auf Orakelkarten zurückgreifen oder vermehrt andere Personen um Rat bitten. Diese Unterstützungsmöglichkeiten können beeinflussen. Solltest Du ein Leben nach Deinen eigenen Wünschen und Vorstellungen führen wollen, darfst Du lernen, Deine eigene Stimme und Intuition zu stärken. Zu Beginn des für Dich neuen Weges hilft es dennoch auf Erfahrungswerte von Menschen zurückzugreifen, welche einige Schritte davon bereits beschritten haben. Nie um den gleichen Pfad einzuschlagen, aber um Mut zu schöpfen können. Ihre Geschichten können Dich dabei unterstützen, Deine ganz eigenen Schritte zu gehen.

Bereits einige Erfahrungen begleiten mich seit meinem lebensverändernden Verlust. Mit unterstützenden Fragen lasse ich Dich gerne daran teilhaben und erzähle Dir dabei von meinem Weg der gelebten Selbstfürsorge.

«Vogelfrei dank eigener Herzens-Entscheidungen?»

Eines Morgens flog mir beim Öffnen der Vorhänge ein Spatz in die Arme. Schlaftrunken machte mein Herz einen gewaltigen Sprung und Vogel wie ich erlitten gewaltiges Herzpochen. Der süsse kleine Kerl flüchtete sich unter das Bett, wo ich nicht mehr an ihn rankam. So entschied ich, uns beiden etwas Zeit zur Beruhigung zu schenken und verliess das Zimmer, natürlich die Türe hinter mir verschliessend. In der Hoffnung der kleine Kerl findet den Weg hinaus, öffnete ich zuvor das Fenster sperrangelweit. Nach etwa einer halben Stunde hörte ich den Piepmatz so laut pfeifen als sei er mindestens ein Adler. In der Hoffnung ihm hinaushelfen zu können, betrat ich also erneut das Schlafzimmer. Der Vogel entdeckte mich, breitete seine Flügel aus und erhob sich «tschilpend» zum Fenster. Jedoch war durch den Windstoss inzwischen der halbe Bereich des Fensters geschlossen. Der kleine Kerl versuchte verzweifelt rauszukommen, schaffte es aber wegen der Scheibe nicht. Direkt neben ihm war zwar der ganze Flügel geöffnet und die Freiheit mühelos zu erreichen. Dies half jedoch wenig, da er sich komplett auf die Situation mit Fenster Nummer 1 «verrannte».

«Kennst Du solche Situationen auch?»

Du weisst, es gibt Licht und kannst Dir sogar vorstellen, dass es nah von Dir zu finden ist. Aber dennoch bist Du blockiert und etwas Starkes in Dir hindert Dich daran, es zu suchen. Persönlich habe ich mich bei diesem Vergleich direkt ertappt gefühlt. Denn in Zeiten von Verlusten gerate ich oft in ähnliche Muster. Je wichtiger es wird, mir Geduld und Selbstfürsorge zu schenken, desto weniger Kraft und Mut finde ich dazu.

Gerade in Trauerphasen kann es unglaublich schwerfallen, Dich auf die Suche nach Antworten zu begeben. Jedes Leben ist absolut einmalig und die Wege geht jeder Mensch für sich. Dennoch finde ich es herzwärmend schön zu wissen, dass es Menschen gibt, welchen Du etwas bedeutest. Die sich Gedanken über Dich machen und in ihrem Herzen einen Platz für Dich freihalten. Die gerne zwischendurch Hand in Hand einen Teilabschnitt des Pfades mit Dir gehen. Dir den Rücken stärken und Deine Ohren auf den Klang des Herzens sensibilisieren. Seit dem plötzlichen Tod meiner Mutter vor einigen Jahren, beschäftige ich mich intensiver mit dem Leben. So bemerke ich plötzlich besser, was mir Energie raubt und wie sich das auf mein Wohlbefinden auswirkt. Diese Prozesse gehen Hand in Hand mit vielen Fragen.

„Lieber ein Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach“. Dieses Sprichwort hast Du wahrscheinlich bereits gehört. Genau darüber sinnierte ich, nachdem der kleine Vogel wieder aus dem Schlafzimmer entflog. Zu dieser Zeit befand ich mich in einer Phase, in der es viele Entscheidungen zu treffen gab.

«In welchem Land soll ich leben?»

Besonders die Frage nach meinem Lebensmittelpunkt beschäftigte mich in Gedanken fast Tag und Nacht. Sie war eng mit vielen anderen Aspekten verknüpft, welche mich aufrieben. Gefühlt hatte jeder einzelne Punkt für meine Zukunft sehr weitreichende Konsequenzen.

So war ich an eine Weggabelung versetzt und mit meiner Entscheidungsfindung absolut überfordert. Pragmatisch heruntergebrochen gibt es bei Entscheidungen, besonders nach einem Verlust, immer genau zwei Möglichkeiten.

Möglicher Weg 1: 

Verdrängung. Der Weg führt zu Rückzug, Resignation und Einsamkeit.

Möglicher Weg 2: 

Annahme und Integration der Tatsachen in ein neues Leben, Wagnis für einen kompletten Neuanfang mit Besinnung auf eigene Wünsche, Werte und Möglichkeiten.

So deutlich zusammengefasst scheint die Antwort auf jede Frage sehr klar und einfach. Dennoch gibt es immer wieder gedankliche Dilemma. Jetzt im Hier und Heute zu leben war die Antwort auf meine Frage. Statt Meile für Meile voranzurasen, liess ich mich für den jeweils nächsten Schritt von meinem Herzen leiten. Diese Erfahrung ist äusserst wertvoll und ich wünsche mir sehr, diese abspeichern und teilen zu können. Es ist mir durchaus bewusst, wie schnell alles anders sein kann, denn das Leben hält sich höchst selten an Pläne. Wir Menschen versuchen trotz besseren Wissens und voller Kopflastigkeit ein gewisses Mass an Kontrolle über die Zukunft zu erlangen. So plane und zerdenke ich leider auch noch zu oft sehr vieles. Bis ich von aussen mal mehr, mal weniger sanft darauf hingewiesen werde, dass mein ganzes Leben genau dieser Moment ist, in dem ich mich aktuell befinde.

«Klingende Kindheitserinnerungen»

Die Geschichte mit dem Spatzen erinnerte mich an frühere Tage. In meiner Kindheit liebte ich es, Geschichten zu hören. Am Schönsten waren diese jeweils, wenn Oma sie erzählte. Zur Not taten es Hörbücher, ganz retromässig auf Kassetten abgespielt. Irgendwann wandelte sich die Form meiner Vorliebe für Geschichten in das Lesen von Büchern. So vergass ich über die Jahre komplett, dass es diese in vorgelesener Erzählform gibt. Irgendwann fielen mir für lange Autofahrten an Raststätten dann Hörbücher in die Hände. Jedoch war es für mich einfach nie mehr das gleiche wie früher. Bis zu dem Tag, als mir ein Freund zum Einschlafen ein Kindermärchen in den Rekorder legte. Genau genommen handelt es sich bei dieser schönen Geste weniger um Selbstfürsorge als um Fürsorge von aussen. Damit wurde dennoch ein wichtiger Impuls gesetzt und so höre ich heute wieder vermehrt und ganz bewusst Kindermärchen. Solche, die ich bereits von früher kenne genauso wie mir bis anhin unbekannte. Es macht unglaublichen Spass, in die Kindheit abzutauchen und mir diese Auszeiten zu schenken. Viele Fragen, welche ich teilweise lange mit mir herumtrage, lösen sich durch das Hören von Geschichten ganz plötzlich und leicht. Manchmal tun sich neue Aspekte auf, welche mir vorher nie begegneten. Durch diese Form der Selbstfürsorge komme ich in eine angenehme Form von Reflektion und kann gewisse Prozesse auf angenehme Weise angehen. Eine Erfahrung, welche sich durchaus das Ausprobieren lohnt. Vielleicht sprechen Dich ja Kinderbücher mehr an als Hörbücher. Oder Du findest eine ganz andere Kindheitserinnerung wieder, welche Du gerne in Dein Erwachsenenleben integrieren möchtest? Auf jeden Fall wünsche ich Dir viel Spass dabei und freue mich über Deine Erfahrungen.

Was ich Dir wünsche? Höre Deinem Herzen gut zu, ziehe es in Denken und Handeln mit ein und schenke ihm reichlich Platz bei Entscheidungen.

Alles Liebe.
Sabrina

Sabrina Steiner

Mit klaren, empathischen Worten vermittelt sie Wissen und Verständnis für die Tatsache, dass es im Leben nur eine Sicherheit gibt. Sie unterstützt damit Dienstleister im Umfeld des Todes bei der PR-Arbeit, führt einen Blog zum Thema «Leben ist tödlich» und organsiert öffentliche Veranstaltungen zum Thema Endlichkeit.

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