Über das Loslassen…

Kolumne Leid und Freud
Kolumne Leid und Freud-Photo by Markus Spiske on Unsplash
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Alexandra Kossowski

Alexandra Kossowski

Sonntagnachmittag. Mein Telefon klingelt. Es ist 15.30h. Und ich denke „Oh man, ich habe vergessen mein Handy auszuschalten.“
Ich nehme ab.

Und dann erzählt mir jemand, dass seine Frau an seiner Hand gestorben ist. Vor einem Jahr. Einfach so. Beim Gehen auf dem Bürgersteig. Sie ist einfach zusammen gebrochen und er dachte noch, sie sei nur hingefallen.

Suizidgedanken. Kliniken. Aufenthalte. Therapeut*innen. Krankschreibungen. Immer dieselben Worte: „Sie müssen loslassen“.

Trauernde und damit auch ich als Trauerbegleiterin hören dieses Wort immer wieder.

L O S L A S S E N.

Als mache man einfach die Hand auf und alles wäre gut. Stattdessen ist nichts gut. Und Loslassen wirklich das Letzte, das man tun möchte in der Trauer.
Loslassen klingt in den Ohren eines*r Trauernden wie

„Vergiss den Toten.“
„Leb endlich wieder normal weiter.“
„Such Dir endlich jemand Neues.“
„Es muss ein Ende finden“

Ich kann natürlich verstehen, was wir mit „Loslassen“ sagen möchten. Dass wir uns für den*die Trauernden wünschen wieder fröhlich sein zu können. Dass wir uns wünschen, dass der*die Trauernde wieder ein „normales“ Leben führen kann, so wie vorher. Und ein Stück weit vielleicht auch, dass wir den Schmerz des anderen nicht mehr aushalten können, weil es uns schmerzt ihn*sie so traurig zu sehen. Und weil wir glauben, dass ein, zwei, drei, fünf, zehn, zwanzig Jahre ausreichend sind für Trauer.

Die schlechte Nachricht:
Trauer hört nicht auf.
Die gute Nachricht:
Trauer hört nicht auf.

Und damit auch nicht unsere Liebe für den*die Verstorbenen. So lange die Trauer einen Platz hat, hat auch der*die Verstorbene einen Platz. Und dieser Platz ist verdammt wichtig.

Trauer ist nichts, das man los werden muss. Natürlich gibt es schönere Gefühle. Jedoch ist es so, dass wir alle Trauernde sind und sein werden. Es muss nicht immer ein Todesfall sein, vielleicht ist es der Job, den wir nicht bekommen haben. Das Studium, das wir nie begonnen haben. Die Wanderung, die wir nie gemacht haben und jetzt nicht mehr machen können. Die Person, der wir nie unsere Liebe gestanden haben und die nun jemand anderen geheiratet hat. All das sind kleine Trauermomente. Und jede*r von uns wird auch einen großen Trauermoment im Leben haben.

Der größte Trauermoment wird die Trauer um das eigene Leben sein, wenn wir merken, dass es zu Ende geht.

Müssen wir dann loslassen? Vielleicht.
Vielleicht dürfen wir –wie Trauernde auch- von der Liebe zehren, die wir erfahren haben. Von den Erfahrungen und Erinnerungen, die uns ein warmes Herz machen. Von den Menschen, die unsere Hand halten in diesem Moment. Von der Dankbarkeit gelebt zu haben.

Lasst uns festhalten. Uns selbst. Einander. Unsere Toten.
Lasst uns der Trauer einen Platz geben.

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    Alexandra Kossowski

    ist Trauerbegleiterin und Coach bei Krise & Verlust, auch online. In ihrer Wahlheimat Berlin hat sie kein Fernweh, weil Berlin multikulti genug ist und es ausreichend leckeres Baklava gibt. Alexandra arbeitet ehrenamtlich im Hospiz, hat ein Projekt zu Kultursensibler Trauer- und Sterbebegleitung, arbeitet auch bei einem Bestatter, organisiert Kurse/Workshops für Trauernde und hat einen Faible für Eichhörnchen (aber das wissen ihre Katzen nicht).