Rassismus in der Trauer?

Dieser Artikel ist im generischen Feminimum geschrieben

Kolumne Leid und Freud
Kolumne Leid und Freud-Photo by Markus Spiske on Unsplash

von Alexandra Kossowski

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DIESER ARTIKEL IST IM GENERISCHEN FEMINIMUM GESCHRIEBEN
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Eine US-amerikanische Bestatterin postete auf Instagram aus gegebenem Anlass: Sie schäme sich, dass sie nichts dafür tut, dass auch mehr Menschen aus der POC-Community* Zugang zum Bestattungswesen in den USA haben. Sie werde daher eine Art Stipendium einrichten, um jemandem aus der Community Zugang zur Ausbildung zu ermöglichen.

Ich hatte mich bis dato noch wenig mit dem Thema beschäftigt. Ich war zugegebenermaßen eher genervt vom Medienrummel, den schwarzen Profilbildern auf Facebook usw. Das bedeutet nun nicht, dass das Thema Rassismus kein wichtiges ist. Im Gegenteil. Und gleichzeitig macht es mich traurig, dass wir immer noch darüber reden müssen, weil es immer noch so präsent ist.

Ich dachte nach: Wie viele POC-Bestatterinnen kenne ich?

Null.

Tja. Schade. Einerseits könnte man argumentieren, dass Menschen, die vielleicht aus einem anderen Land, einer anderen Kultur nach Deutschland gekommen sind auch keinen „konventionellen deutschen (christlichen?)“ Bestatterinnen nutzen bzw. eigene Bestattungsinstitute gründen, mit denen ich bisher keine Berührung hatte. Andererseits ist nicht jede POC zugezogen. Wir erinnern uns an #metwo, den Hashtag der dafür steht, dass Menschen mit zwei Kulturen aufwachsen, einer Elternkultur und der Kultur des Landes, in dem sie geboren sind. Wir rufen uns auch ins Gedächtnis, dass jede eine deutsche Staatsbürgerin sein kann, egal welche Hautfarbe sie hat. Deutsch bedeutet nicht „=weiß“. Leider ist das in den Köpfen vieler Menschen immer noch so.

(„Wo kommst Du denn her?“ – „Aus Dortmund“ – „Nein, wo bist Du geboren?“ – „In Dortmund“. *Betretene Stille*)

Nun, ich googelte „Rassismus Bestattung“ und stieß auf einen interessanten Artikel von Francis Seeck. Sie ist Kulturanthropologin und hat ein Buch geschrieben über „Das Recht auf Trauer – Bestattungen aus machtkritischer Perspektive“. Francis Seeck*** hat zur Sozial- und ordnungsamtlichen Bestattungen in Berlin geforscht und fand, dass alles sehr heteronormativ** und klassistisch ist (gibt es das Wort klassistisch offiziell?).

Bedeutet in kurz:

Menschen werden zu Lebzeiten ausgegrenzt oder in „Randgruppen“ gedrängt, beispielsweise aufgrund von sexueller Orientierung, Krankheit, Sucht, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit. Daraus kann resultieren, dass sie aufgrund mangelnder sozialer und finanzieller Einbindung sozial oder ordnungsamtlich bestattet werden müssen.


Diese „Verwaltungsangelegenheit“ orientiert sich am strikten Muster der Familie, sprich Angehörige werden gesucht. Oftmals sind familiäre Beziehungen aber gar nicht die wichtigen, sondern Community oder Freundinnen, (ehrenamtliche) Helferinnen, etc. Diese werden teils gar nicht informiert bzw. erhalten keine Möglichkeit Abschied oder Einfluss auf die Beisetzung zu nehmen.

Das Recht auf Trauer und „betrauert werden“ ist hier also abhängig vom System bzw. auch den finanziellen Mitteln einer Einzelnen. Heutzutage wird erwartet, dass sich jede selbst um ihre Bestattung kümmert und vorsorgt.

Es mag beim ersten Lesen ein wenig weit hergeholt klingen. Aber wer einmal einer Sozial- oder Ordnungsamtsbestattung beigewohnt hat weiß, wie desolat das ist.

Vor zwei Jahren habe ich im Hospiz einen Mann begleitet. Einen Seebären. Er war passionierter Segler, mit weißem Bart und Kapitänsmütze. Er wurde ordnungsamtlich bestattet, in einer schwarzen Urne, innerhalb von fünf Minuten. Mehrere Jahrzehnte Leben einfach so in die Erde. Auf dem Grab steckt ein kleiner „Kräutertopfspieß“. So ein Ding, das normalerweise im Blumentopf steckt und auf dem ich notiere welches Kraut hier wächst. Hier steht sein Name, sowie Geburts- und Sterbedatum. Ca. 40x40cm ist das Grab groß, direkt daneben reihen sich alle anderen Sozial- und Ordnungsamtsbestattungen. Platzsparend. Und manchmal gibt es nicht mal einen Kräutertopfspieß.

Damals wusste ich noch nicht das, was ich heute über Bestattungen weiß. Hätte ich das Wissen damals schon gehabt, hätte ich versucht mich für eine Seebestattung einzusetzen. Es wäre das einzig Richtige für ihn gewesen. Alles, was ich tun konnte war ein Segelboot aus Papier zu falten und es mit zur Urne zu legen.

In 2016 gab es 2300 Ordnungsamtsbestattungen in Berlin und es werden jedes Jahr mehr. Wer trauert um diese Menschen? Wer liest ab und zu ihre Namen? Ist das wirklich das so oft benannte „würdige“ Ende?

 

Die Würde des Menschen muss auch im Tod unantastbar bleiben. Egal in welcher Farbe, Sexualität, Kultur, Religion oder sonstiger Orientierung.

P.S.: Word markiert mir die ganze Zeit das Wort „Bestatterin“. Der ganz normale Alltagssexismus…

*People of Colour. Selbstgewählte Bezeichnung von POC in den USA.
**Heteronormativität bezeichnet eine Weltanschauung, welche die Heterosexualität als soziale Norm postuliert

***www.francisseeck.net

Alexandra Kossowski

ist Trauerbegleiterin und Coach bei Krise & Verlust, auch online. In ihrer Wahlheimat Berlin hat sie kein Fernweh, weil Berlin multikulti genug ist und es ausreichend leckeres Baklava gibt. Alexandra arbeitet ehrenamtlich im Hospiz, hat ein Projekt zu Kultursensibler Trauer- und Sterbebegleitung, arbeitet auch bei einem Bestatter, organisiert Kurse/Workshops für Trauernde und hat einen Faible für Eichhörnchen (aber das wissen ihre Katzen nicht).

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