Erinnere dich

Immer wieder berichten Menschen, nach lebensbedrohlichen Situationen, die sie nur knapp überlebten und danach wieder ins Leben zurückfanden von Nahtod- Erlebnissen. Man findet Zeugnisse und Berichte von Nahtoderfahrungen in jeder Epoche, Kultur oder Region. Sie sind so alt wie die Menschheit. Johanna, du hast mir über dein Nahtoderlebnis erzählt, welches bereits an die 30 Jahre zurückliegt. Möchtest du es nochmals schildern?
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von Gabriela Gottwald

Foto: Johanna Klapper/ Photo by Pixabay on Unsplash

Johanna, du hast mir über dein Nahtoderlebnis erzählt, welches bereits an die 30 Jahre zurückliegt. Möchtest du es nochmals schildern?

Ja, gerne. Ich erinnere mich an folgendes: auf einem Bankett für Aktive eines Mittelaltermarktes auf der Marksburg bei Brauchbach, saßen mein damaliger Freund und ich an der Tafel im großen Festsaal.

Ich hatte bereits tagsüber einen kleinen Asthma-Anfall gehabt und es ging mir immer noch nicht gut. Plötzlich merkte ich, dass ich nicht mehr ausatmen kann. Die Leute um mich herum konnte ich nicht mehr hören, ihre Münder gingen auf und zu, aber es kam kein Ton bei mir an.

Ich merkte, wie mein Freund panisch wurde und mir bedeutete, er würde jemanden suchen. Dann ging es mir ganz plötzlich schlagartig besser. Ich spürte einen Ruck in der Brust und saß auf einmal im Dachgebälk des Festsaals, baumelte mit meinen Beinen und bemerkte, wie staubig und voller Spinnweben es dort oben war und schaute hinunter. Ich muss dazu sagen, dass ich Höhenangst habe, aber in dem Moment nichts davon fühlte.

Unter mir sah ich eine Frau auf einer Trage liegen und ein Team aus Notarzt und Helfern um sie herum.

Johanna Klapper, Jahrgang 1965, arbeitet als Fremdsprachensekretärin an einer Universität. Sie ist Hohepriesterin im Gardnerian Wicca, Völva in der friesischen Tradition und Praktizierende des europäischen Schamanismus.

War dir in dem Moment bewusst, dass du da unten liegst, dass das dein Körper ist?

Nein, das hat gedauert. Ich sah, dass die Frau mein Kleid trug, das meine Freundin nur für mich geschneidert hatte aus einem besonderen englischen Stoff. Das wunderte mich zunächst, da ich ja wusste, wie einzigartig es war. Irgendwie dämmerte mir, das könnte ich sein, aber ich hatte dann keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, denn hinter mir war auf einmal eine alte Frau, die mich an der Schulter berührte.

Kanntest du die Frau, war sie ein Bestandteil deines Lebens?

Ich kannte sie, aber in dem Moment, als ich sie anschaute, war mir klar, nicht aus diesem Leben. Sie war mir gleichzeitig fremd und vertraut. Sie lächelte mich liebevoll an und umarmte mich kurz und der Duft ihrer Kleidung und Haare war mir sehr bekannt. Ich weiß nicht, woher.

Sprach sie denn auch zu dir?

Nicht sofort. Sie schaute mich an und ich war sofort bereit, mit ihr dahinzugehen, wo sie war, ohne nachzufragen.

Was dachtest du, wohin sie dich bringen würde?

Zu Menschen und Tieren, die ich kenne. Es war so eine Vertrautheit da, dass ich das gar nicht hinterfragen wollte, ich dachte nur, sie ist so gut, das kann nur schön sein, wo sie lebt.

Und was passierte dann?

Sie nahm meine Hand und ich wollte mit ihr gehen. Sie schüttelte den Kopf und sagte „nein, es ist noch nicht deine Zeit, du musst zurück“. Ich wollte gar nicht. Es ging mir gut, ich bekam Luft, war in Begleitung von dieser lieben Frau, wohin sollte ich zurückgehen? Sie fasste mich an den Schultern und drehte mich um, sodass sie hinter mir stand. Ich schaute hinunter in den Festsaal, wo immer noch eine Traube von Menschen um die Frau auf der Trage stand. Ich sah, wie der Notarzt ein Gerät anschloss, welche meine Vitalwerte maß. Ohne jegliche Aufregung sah ich, wie die Lebenskurve abflachte und dann zu einer geraden Linie wurde, und mir war klar, das bin ich und ich sterbe gerade – mit 24 Jahren.

Was für Gefühle breiteten sich in dir aus? Hattest du in diesem Zustand überhaupt Gefühle?

Ja, sehr klare und geordnete, nicht so ein Durcheinander wie im richtigen Leben (lach). Mir war bewusst, ich sterbe gerade, und ich empfand Trauer, mit 24 Jahren schien mir das viel zu früh, ich hatte noch so viele Pläne. Andererseits fand ich es so schön, dass es mir mit der alten Frau so gut ging und ich wollte gar nicht mehr von ihr weggehen.

„Du brauchst keine Flügel. Benutze deine Erinnerung.“

Was passierte als Nächstes?

Die Frau hielt meine Schultern mit den Händen, die warm waren und stark. Sie sagte „du musst zurück. Jetzt. Wenn du nicht springst, schubse ich dich.“ Ich war sehr erschrocken, meine Höhenangst kam auch zurück. Ich sagte zu ihr „ich kann nicht fliegen, ich weiß nicht, wie das geht!“ und wurde schon etwas panisch.

Wie reagierte sie auf deine Aussage?

Sie stand auf einmal wieder vor mir, schaute mir tief in die Augen und umarmte mich. Dann sagte sie „wir sehen uns wieder, nicht jetzt, nicht hier. Geh.“ Dann trat sie wieder hinter mich. Ich konnte fühlen, dass sie das, was sie tat, voller Liebe tat.

Ich fühlte ihre Hände an meinen Schulterblättern. Ich schaute auf den Saal unten, wie klein die Menschen waren, ich war hoch oben. Eine andere Stimme von links hinter mir flüsterte „schubs sie!“ Die alte Frau sagte mit einer machtvollen, hallenden und zugleich liebevoll warmen Stimme: „Du brauchst keine Flügel. Benutze deine Erinnerung.“ Sie schubste mich.

Was löste das in dir aus?

Zunächst grelle Panik. Ich fühlte, dass ich fiel, aus einer großen Höhe herab. Aber irgendwie wusste ich auch, dass ich nicht verletzt werden, nicht unten aufklatschen würde. Dann gab es einen mächtigen Ruck in meinem Körper, ich riss die Augen auf, über mir ein fremdes Männergesicht – der Notarzt. Er strahlte mich an und rief laut „da ist sie ja wieder!“ Er hatte mir gerade eine schallende Ohrfeige gegeben. Das Vital-Messgerät zeigte einen schnellen Herzschlag.

Wie fühlte es sich an, wieder in deinem Körper angekommen zu sein?

Fremd und vertraut zugleich. Mir war zu warm, aber ich konnte wieder atmen. Mein Arm tat weh, ich war verwirrt und schaute an die Saaldecke, in das Gebälk, erwartete, die alte Frau dort oben zu sehen, aber da war nichts.

Machte dich das traurig?

Ja und nein. Sie hatte mir gesagt, dass wir uns wiedersehen. Ich war froh, fast glücklich, nicht schon mit 24 gestorben zu sein. Das Gefühl, dass die alte Frau zu mir gehörte, war immer noch da und hat mich seitdem auch nicht mehr verlassen.

Wenn du an dieses Ereignis zurückdenkst, fühlt es sich komplett real an oder eher wie ein Traum?

Komplett real. Im darauf folgenden Jahr auf demselben Markt am selben Ort bekam ich eine Begegnung geschenkt – ich saß in meinem Wahrsagerinnen-Zelt und wartete auf Kundschaft. Eine alte Frau kam, blieb stehen, sah mich an. Sie trug einen Korb mit Kräutern über dem Arm und war mittelalterlich gekleidet, ich dachte, sie ist eine Marktfrau. Ich fragte, ob ich ihr die Karten legen soll? Sie schüttelte den Kopf, griff in ihren Korb und gab mir ein vierblättriges Kleeblatt. Sie lächelte, sagte nichts, verneigte sich leicht, und als sie ging, war ihr Gesicht für einen Moment lang das von „meiner“ alten Frau.

Was für besondere Ereignisse! Wie haben sie mittel-, wie langfristig dein Leben beeinflusst?

Nach dem Nahtoderlebnis hatte ich plötzlich eine unglaubliche Kraft. Ich ordnete mein Leben, trennte mich von meinem Freund, zog in eine eigene Wohnung, machte mit einem Heilpraktiker eine erfolgreiche Asthma-Therapie und kaufte mir ein Pferd. Ich erinnerte mich daran, dass die Heldin meiner Kindheit Pippi Langstrumpf war.

„Für mich ist ‚Mutter Todin‘,
eine Vertraute geworden“

Kann man sagen, du fingst an, selbstbestimmter zu leben?

Ja. Ich hatte auf einmal das Gefühl – wenn du etwas tun willst, tu es JETZT. Ich wollte Herrin meiner Umstände sein, mich nicht mehr von Einflüssen oder Menschen beherrschen lassen.

Gab es irgendwelche negativen Auswirkungen durch dieses Ereignis?

Nein. Außer dass mir die Zerbrechlichkeit und Endlichkeit meines Lebens sehr bewusst wurden, war mir klar, dass ich keine Angst mehr vor dem Tod haben muss. Ich weiß bis heute, dass die alte Frau auf mich warten wird, wenn es meine Zeit ist, zu gehen. Ich mache mir manchmal Sorgen, dass meine Todesumstände nicht schön sein könnten, z. B. in einem Unfallwagen eingeklemmt zu sterben oder ähnliches, aber ich habe keine Angst mehr vor dem Tod.

Denkst du, dass du dich aufgrund deines Nahtoderlebnisses mehr mit dem Tod auseinandergesetzt hast als Menschen es für gewöhnlich tun?

Das Thema Tod hat mich schon immer begleitet. Ich war schon vor dem Erlebnis diejenige in meiner Familie die bei den Alten saß und ihre Hand hielt, wenn sie starben. Ich war bei den Toden meiner Hunde und Katzen dabei und begleitete sie auf die andere Seite. Schon immer habe ich Knochen gesammelt und daraus Anhänger oder andere Dinge gemacht oder sie auf meinem Altar arrangiert. Ich hatte verstanden, dass Sterben nur ein Übergang ist, und dass Wesen auf mich warten, die mich lieben – und umgekehrt. Seit dem Erlebnis kann ich mir gut vorstellen, eine Art Sterbebegleiterin zu sein für Menschen, die keine Angehörigen oder Freunde haben.

Welchen Platz nimmt der Tod in deiner gelebten Spiritualität ein?

Für mich ist „Mutter Todin“, wie ich sie nenne, eine Vertraute geworden. Ich habe mich schon immer zu den eher dunklen Göttinnen hingezogen, die allererste, die mir begegnete, als ich 17 Jahre alt war, war die Morrigan. Mir war schon am Anfang meines spirituellen Weges klar, dass ich mich nicht zu Licht-und-Liebe-Göttinnen mit weißen Einhörnern hingezogen fühlte. Es waren die Raben, die Wölfe, die Krähen, die Nornen und die Wolfsreiterinnen der germanischen Mythologie, und wann immer eins meiner Hexengeschwister mich fragt „wollen wir was machen mit Tod, Sterben, Knochen?“ bin ich Feuer und Flamme. Für mich ist Tod Bestandteil des Lebens. Unsere Zellen sterben und erneuern sich, jeden Tag, ohne dass wir das fühlen. Ich hatte eine tibetische Lehrerin, die mir bewusst gemacht hat, dass zu einem gut gelebten Leben auch ein guter Tod gehört, ein Übergang, der dazugehört wie die Geburt, und dass hinter der Schwelle auf die andere Seite etwas Schönes liegt, eine andere Welt mit vertrauten Menschen und Tieren, Geistern und Göttern, und dass Sterben nichts Schreckliches an sich hat. Mir wurde klar, dass ich nicht an Wiedergeburt glauben muss – glauben muss man, was man nicht beweisen kann. Ich fühlte mit meinem ganzen Wesen, dass ich schon mal hier war, und dass ich wiederkommen werde.

Gibt es ein Buch, welches du empfehlen würdest?

Mindestens zwei. Das erste ist „Schwester Tod“ von Erni Kutter. Daran hat mich besonders berührt, wie vielschichtig der Tod beschrieben wird, und wie viele Menschen sich ähnlich intensiv damit beschäftigen wie ich.
Das zweite ist „Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben“ von Sogyal Rinpoche. Darin wird berichtet, wie man ein gutes Leben führen kann, jeder Mensch individuell seins finden kann, und wie man gut stirbt, bewusst geht, wenn es an der Zeit ist.

Ich danke dir herzlich für deine Zeit und deine Worte.

Gabriela Gottwald

Gabriela ist unsere Fachfrau für die Seele.
Alles hat Platz und wir stellen uns den großen Fragen und lassen uns von den Perspektiven inspirieren.

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