Eine kurze Zeit an der Hand, für immer im Herzen

Was verwaisten Eltern bleibt, ist die Liebe

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Text & Bilder von Julia Burger

Titelbild: Photo by Mink Mingle on Unsplash

Wir sind eine kleine glückliche Familie. Das könnte man auf den ersten Blick meinen, wenn man uns sieht: Unsere die Welt entdeckende Tochter, mein Mann, der uns beide von tiefer Liebe erfüllt anschaut, und ich. Und keine Frage: Das stimmt, glücklich sind wir tatsächlich.

Was aber auch stimmt und was man auf den ersten Blick nicht erkennt: Das Herz meines Mannes und meines sind tief vernarbt. Zwei große Teile wurden schmerzhaft herausgerissen und der Rest notdürftig zusammengeflickt. Unsere Herzen schmerzen – und das seit fünf Jahren.

Vor fünf Jahren haben wir unsere Tochter Isabella nach gemeinsamen acht Monaten zu den Sternen ziehen lassen müssen.

Acht Monate, die zugleich von so viel Liebe, aber auch von Ängsten und dem schrittweisen Abschied von ihr geprägt waren. Denn wir wussten vom Tag ihrer Geburt und dem Schock über ihre unerwartete Einzigartigkeit an: Isabella wird nicht lange bei uns bleiben können. Wir werden eine Familie auf Zeit sein.

Und so war es eine kurze Zeit, die wir mit ihr verbringen durften, aber eine sehr intensive. Letztlich ein ganzes kleines Leben.

„ein ganzes kleines Leben“

Und dieses ganze kleine Leben sah anders aus, als der Alltag anderer frischgebackener Eltern: Statt zu stillen oder die Flasche zu geben, bekam unsere Tochter ihre Milch über eine Magensonde. Wenn ihr die Luft zum Atmen nicht reichte, bekam sie Sauerstoff. Und sie war 24 Stunden an einen Monitor angeschlossen, der ihre Vitalzeichen überwachte.

Mit diesem Equipment und noch mehr, verbrachte sie die ersten sechs Wochen ihres Lebens auf der Intensivstation der Kinderklinik.

Und mit dem gleichen Equipment gingen wir dann schließlich auch gemeinsam nach Hause.

Gegen den Rat der Ärzte – unserem Verstand, Bauchgefühl und Mutterinstinkt folgend. Denn in der Klinik konnten sie für unsere kleine Tochter nichts weiter tun – die Ärzte wussten auch nach zahlreichen Untersuchungen nicht, an was sie litt und was ihr fehlte.

Was ihr fehlte, war ihr Zuhause. Ein Ort voll Liebe und Geborgenheit, ohne Schichtwechsel, Visite und immer weitere teils schmerzhafte Untersuchungen, die zu nichts mehr führten. Wir wollten Isabella nicht mehr jeden Abend alleine in ihrem kleinen Bettchen zurücklassen, um nach Hause zu fahren. Ein Ort, welcher sich ohne sie nicht länger wie ein Zuhause anfühlte.

„unser Elterninstinkt ließ uns keine Sekunde im Stich“

Also wagten wir den Schritt. Und unser Elterninstinkt ließ uns keine Sekunde im Stich – wir hatten die richtige Entscheidung getroffen. Isabella ging es von Tag zu Tag besser zu Hause. Hier herrschte auch immer das Credo „Isabella darf alles“ (solange sie einfach nur weiterhin atmete und bei uns war) und wir gestalteten ihr den Tag so bunt und fröhlich wie nur irgendwie möglich.

Bunt waren die Tage immer – es gab leider aber auch immer wieder sehr schwarze Tage.

Tage, an denen ihre Sauerstoffsättigung trotz Sauerstoffzugabe nicht ausreichend war.

Tage, an denen sie immer und immer wieder ihre Milch erbrach, sich stark verschluckte und wir bangend neben ihr knieten, bis sie endlich wieder zu atmen begann. Ihre Lippen dabei blau angelaufen, der Monitor ohrenbetäubend Alarm schlagend, weil ihre Herzfrequenz immer weiter sank.

Und Tage, an denen wir mehrfach in die Kinderklinik fahren mussten, weil ihre Magensonde mit beinahe jedem erbrochenen Milchschwall hinausbefördert wurde.

Auch diese Tage und diese Momente gab es zuhauf. Tage voll Sorgen und der Angst, wann wir Isabella letztlich verlieren würden.

„zwischen uns drei passte kein Blatt mehr“

Aber das sind nicht die Momente, auf die ich heute vorrangig zurückblicke.

Ich sehe die Momente voll von Liebe: Morgens aufwachend als allererstes das unverkennbare Geräusch ihres Atems wahrzunehmen und erleichtert zu realisieren, dass wir einen weiteren gemeinsamen Tag geschenkt bekommen würden.

Momente voller Stolz: Der Tag, an dem Isabella ihr kleines Fäustchen das erste Mal zum Mund brachte. Für die meisten Eltern selbstverständlich – für uns ein Grund uns jubelnd und mit Tränen in den Augen in die Arme zu fallen.

Und Momente voller Zusammenhalt: Wir als Eltern waren uns noch nie so einig, wie in allen Fragen und Entscheidungen rund um unsere Tochter. Zwischen uns drei passte kein Blatt mehr.

Und ich erinnere mich an den Tag, als Isabella dann schließlich in meinen Armen starb. An die Wärme, die allmählich immer mehr aus ihr wich. An ihre letzten, sehr flachen Atemzüge. Und ich erinnere mich an die Dankbarkeit, die ich damals spürte und die noch heute präsent ist: Isabella durfte in ihrem Zuhause, umgeben von ihren Eltern und nichts weiter außer Liebe und Geborgenheit, friedlich gehen.

Ich spüre tiefe Dankbarkeit dafür, dass dieses einzigartige Mädchen mein und unser Leben so sehr bereichert hat. Dass wir ein ganzes kleines Leben miteinander hatten. Und dass die Liebe uns immer bleiben wird.

"Danke Isabella, dass du mir so ein großes Geschenk gemacht hast"

Im Mai müssen wir dem fünften Todestag von Isabella ins Gesicht sehen.

Und ich halte es für keinen Zufall, dass ich Teil genau dieser Ausgabe sein darf, die nur wenige Tage nach diesem schwierigen und schmerzhaften Ereignis erscheint.

Ich darf einen kleinen Teil meiner Geschichte erzählen und meine Worte werden, zusammen mit den Zeilen vieler anderer außergewöhnlicher Menschen, erscheinen.

Und neben all dem Schmerz, der Dunkelheit und dem Vermissen, der ihr Todestag heute noch mit sich bringt, denke ich auch:

„Danke Isabella, dass du mir so ein großes Geschenk gemacht hast.“

Durch meine Tochter wurde ich zur Mutter und lernte die keine Grenzen und kein Ende kennende Liebe einer Mutter zu ihrem Kind kennen.

Sie hat bewiesen, dass sie zu lieben und zu spüren, auch nach dem Tod weiter geht. Wir haben eine andere Weise dafür gefunden.

Sie hat mir gezeigt, worauf es ankommt im Leben, hat mich meine Prioritäten neu ordnen lassen.

Ich sehe die Welt durch sie viel klarer.

Und nun, nach fünf Jahren ohne Isabella in unserer Mitte, macht sie mir ein weiteres großes Geschenk:

Ich darf nun auch anderen verwaisten Müttern beistehen. Ich darf ihnen eine Stütze sein, ihnen eine Stimme geben und mein Ohr schenken.

Und ich darf ein Teil derer mutiger und vorausgehender Menschen sein, die beschlossen haben, dass sich unsere Trauerkultur dringend ändern muss. Damit Themen wie Kindsverlust, Tod und Trauer keine Tabuthemen mehr sind. Diese Themen gehören direkt in die Mitte unserer Gesellschaft. Sie gehören genau dorthin, weil wir verwaisten Eltern in unserem Schmerz auf empathische Mitmenschen, Begegnung auf Augenhöhe, Verständnis und Rücksichtnahme angewiesen sind. Und, weil wir über unsere Lieben reden möchten. Auch wir sind Eltern. Selbstverständlich!

Julia Burger

„Julia begleitet“
Dahinter steht Julia,
Trauerbegleiterin, Gesundheitsberaterin und Mutter von zwei Kindern im Herzen und einem an der Hand.
Sie schreibt über die Themen Kindsverlust, Tod und Trauer und den langen und steinigen Weg zurück ins Leben. Dabei steht sie verwaisten Müttern mit ihren ganz persönlichen Erfahrungen, aber auch dem Fachwissen aus der Trauerbegleitung und der Gesundheitsberatung stärkend zur Seite.
„Leider sind die Themen Tod und Trauer im Allgemeinen und Kindsverlust im Besonderen immer noch viel zu sehr tabuisiert. Die Thematik der verwaisten Eltern gehört in die Mitte der Gesellschaft. Diese Tabus müssen gebrochen werden, damit kein Betroffener mit seiner Trauer alleine gelassen wird!“

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