„Ein Koffer voller Erwartungen“

Share on facebook
Share on twitter
Share on pinterest
Share on tumblr
Share on pocket
Share on email
Share on whatsapp
Share on print

von Alexandra Kossowski

Photo by Markus Spiske on Unsplash

Marrakesch. Endlich. Drei Monate hatte ich mich auf diese Reise zu meinem 40. Geburtstag gefreut. Ich hatte mir extra ein neues Kleid gekauft (in schwarz natürlich). Ich hatte mir die goldene Handtasche rausgesucht, die ich zu meinem 30. in London gekauft hatte. Stil ist Stil 😊 Ich hatte extra zwei Lippenstifte eingepackt, damit ich mich spontan und nach Laune für eine Farbe entscheiden kann. Ich hatte Restaurants rausgesucht und schon recherchiert, welche Bars und Clubs es gab. Ich hatte passenden Schmuck eingepackt und –passend zur Handtasche- goldene Sandalen (Metallic-Töne sind so herrlich einfach, weil sie zu allem passen. Tief im Inneren bin ich hochgradig minimalistisch).

Dann eine Flugverspätung… Und ein verlorener Koffer…

Gemeinsam mit meiner Reisebegleitung verbrachte ich zwei von fünf Vormittagen am Flughafen. Einer dieser Vormittage war der Vormittag meines 40. Geburtstags. Und einer dieser Vormittage war der Vormittag, an dem mir der Mitarbeiter des „Lost & Found“-Büros sagte, dass mein Koffer erst um Mitternacht ankommen würde. Nach meinem Geburtstag.

„Aber ich habe doch Geburtstag. Ich werde 40. Können Sie da nicht irgendwas machen?“
Der Mitarbeiter grinste und wünschte mir „Happy Birthday“. Nein, er kann nichts machen. Mein Koffer ist in Amsterdam und reist heute Nachmittag erst über Madrid nach Marrakesch.

Madrid oder Marrakesch.
Hauptsache Marokko

Ich trottete aus dem Büro. Und weinte. Gleichzeitig kam ich mir schmerzlich kindisch vor. Eher wie sechs.

Meine Reisebegleitung erwartete mich am Ausgang, wir sanken auf eine Bank.
„Ist gleich wieder gut“, sagte ich und schniefte.
Mein Kleid, meine Handtasche, meine Lippenstifte, mein Schmuck, sowie natürlich alles andere lag irgendwo am Amsterdamer Flughafen. Ich trug meine durchgeschwitzten Klamotten nun schon den zweiten Tag. Und das an meinem 40. Geburtstag!

Ich atmete und dann dachte ich: Ich kann es nicht ändern. Niemand kann ändern, was gerade passiert. Mein Koffer wird nicht da sein. Ich weiß nicht, was sich das Universum dabei gedacht hat. Ich nehme jetzt an, was ist. Ich kann hier sitzen, meinen Geburtstag „verheulen“ und mich über Äußerlichkeiten aufregen, ich kann jetzt aber auch einfach dankbar sein, in Marrakesch zu sein, mit einer lieben Freundin. Ich kann jetzt dankbar sein, dass ich überhaupt gesund die 40 erreicht habe.

Und ich ließ noch etwas los:
meine Erwartungen

Ich hatte mir diesen Plan gemacht von meinem Geburtstagsabend. Mit diesem einen Kleid in dieser einen Stadt. Der Plan ging aber nicht auf. Meine Erwartungen wurden enttäuscht. Und nur darüber weinte ich eigentlich.

Ich hatte keine Angst, dass mein Koffer für immer verloren ist oder dass etwas kaputt geht. Ich war nur enttäuscht darüber, dass der Abend nicht so verlaufen würde, wie ich es erwartet hatte.

Also ließ ich meine Erwartung los. Und vertraute. Vertraute darauf, dass das alles irgendwo im Universum Sinn machte. Dass das Universum immer genau tut, was richtig ist. Und dass es eine andere Lösung gab.

So machte ich mich also frisch, wir fuhren in die Stadt und stürzten uns in die Medina, die Altstadt. Wir ließen unsere Hände mit Henna bemalen. Ich probierte einen Kaftan an (schwarz, mit rosa metallic Perlen darauf. Stil ist Stil 😊) und handelte gekonnt mit dem Verkäufer. Meine Reisebegleitung kaufte sich spontan auch einen.
Am Nachmittag aßen wir gemeinsam mit der Besitzerin unseres Gästehauses Kuchen und am Abend wanderten wir in Kaftanen durch die Straßen (übrigens herrlich luftig und mega bequem). Wir bekamen sehr viele nette und überraschte Kommentare von allen Seiten und irgendwie fühlte es sich so an, als hätte uns Marrakesch schon voll aufgesogen.

Was das in einer Kolumne über Verlust und Trauer zu suchen hat?

Ist es nicht so, dass wir uns in Krisen oder auch beim Verlust eines geliebten Menschen betrogen fühlen? Unserer Träume beraubt?
Ihr wolltet vielleicht gemeinsam alt werden. Oder endlich Eltern sein. Oder sehen, wie Euer Bruder/Eure Schwester mal heiratet. Das alles wird nun nicht mehr passieren. Eure Erwartungen wurden enttäuscht.
Versteht mich nicht falsch. Natürlich ist der Verlust eines Koffers nicht gleichzusetzen mit dem Verlust eines Menschen. Dennoch frage ich heute ganz dreist: wieviel hat Trauer auch mit Erwartungen zu tun, die nicht erfüllt wurden? Und könnt Ihr diese Erwartungen ein stückweit loslassen? Wie schwer fällt es Euch, Euch auf ein neues Leben einzulassen? Wie schwer macht Ihr es Euch selbst, indem Ihr an Vorstellungen festhaltet?
Konzentriert Euch auf die Liebe zu Eurer geliebten Person. Fühlt was da war, feiert, was Ihr zusammen hattet.
Das Universum hat für uns alle einen Plan. Vertraut darauf, dass es auch für Euch einen gibt.
Und ja, es ist verdammt hart.

P.S.: Am 3. Tag kam mein Koffer wohlbehalten an und ich trug das Kleid zum Geburtstag meiner Reisefreundin, drei Tage später.

Alexandra Kossowski

ist Trauerbegleiterin und Coach bei Krise & Verlust, auch online. In ihrer Wahlheimat Berlin hat sie kein Fernweh, weil Berlin multikulti genug ist und es ausreichend leckeres Baklava gibt. Alexandra arbeitet ehrenamtlich im Hospiz, hat ein Projekt zu Kultursensibler Trauer- und Sterbebegleitung, arbeitet auch bei einem Bestatter, organisiert Kurse/Workshops für Trauernde und hat einen Faible für Eichhörnchen (aber das wissen ihre Katzen nicht).

Beginne mit uns den Dialog

Hinterlasse deine Gedanken

mood_bad
  • No comments yet.
  • Add a comment