„Das ist ja wohl eine Unverschämtheit“

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von Bo Hauer

Photo by Frederick Tubiermont on Unsplash

Ja genau, das ist der Titel dieses Podcasts. Und ganz ehrlich, ich finde den Namen richtig gut. Warum? Der Titel transportiert genau die absurden Sätze, die viele, wirklich viele Betroffenen zu hören bekommen.

Die Betroffenen, sind Leute die einen wichtigen, geliebten Menschen an den Suizid verloren haben.

Wer einen Suizid in seinem Leben erfährt, kommt um die schmerzhafte Erfahrung nicht herum, dass im Umgang mit dieser Todesart so vieles anders ist. Und, Suizid geschieht häufiger als gedacht. Auch Elisa hat genau das erlebt.

Mit ihrem Podcast, übrigens dem Ersten seiner Art, bietet sie den Betroffenen die überfällige Plattform ihre Geschichten frei, in eigenen Worten und vor allem „schonungslos“ erzählen zu können. Was es mit dem „schonungslos“ auf sich hat, erfährst du im Interview.

Wer jetzt denkt, das ist nur so eine von Betroffenen-für-Betroffene Geschichte, der irrt sich. „Das ist ja wohl eine Unverschämtheit“ richtet sich genauso und ausdrücklich auch an Nicht-Betroffene, um über Suizid und allem was damit einhergeht zu informieren und damit bestehende Berührungsängste abzubauen.

Ich denke, das gelingt ihr gut, denn sie selbst sagt: „Jedes Schicksal ist wichtig.“ – und das spürt man.

Wie kam es zu deinem Podcast? War es eine spontane Idee, oder ist sie mit der Zeit gewachsen?

Das war tatsächlich wirklich totaler Zufall. Ich habe manchmal Blitz-Eingaben und das war so eine. Ich hatte vor zwei Jahren angefangen, meine eigene Geschichte aufzuschreiben. Da wusste ich noch nicht, mache ich das nur für mich, oder will ich das irgendwann als Buch veröffentlichen. Dieses Manuskript lag dann eine ganze Weile unberührt herum. Ich bin auch ein riesen Fan von True-Crime Podcasts und in einem dieser Podcasts ging es in einer Folge um einen Suizid. Das brachte mich darauf, nach einem Podcast zu suchen, in dem es nur um Suizid geht, und zwar im allerbesten Fall von Betroffenen und ihren Geschichten. Als Betroffene würde ich mir das sofort anhören, aber ich fand nichts. Es gibt zu jedem Thema einen Podcast, von Brettspielen, über wie baue ich Möbel, bis hin zu wie mähe ich am besten den Rasen; zu allem gibt es einen Podcast und für das nicht. Ich konnte es mir nicht erklären.

Diese vereinzelten Folgen, die sich mit dem Thema Suizid befassen, kenne ich zum Teil. Zur Vorbereitung auf dieses Interview habe ich auch gesucht und finde es mehr als bemerkenswert, dass es das bis auf deinen Podcast jetzt, nicht gibt. Das war dann die berühmte Initialzündung für deinen Podcast?

Das ist eine von den Sachen, bei der nachher viele denken, es war so naheliegend, wieso hat das vorher keiner gemacht? Im Laufe der Zeit kamen dann ein paar Momente, in denen mir klar wurde, dass das Thema auch wirklich nicht einfach ist und es darum noch keiner gemacht hat.

Für mich war es aber so logisch und einfach den Podcast zu machen, dass ich mich innerhalb von drei Tagen mit der Technik vertraut gemacht habe, mir ein Mikrofon bestellt und dann meine Geschichte eingelesen habe.

Da hat wirklich alles gepasst. Wie bereitest du dich eigentlich auf ein Gespräch vor?

Für meine erste Folge mit einer Betroffenen habe ich mir davor wahnsinnig viele Gedanken gemacht. Wie mache ich das, wie strukturiere ich das und so weiter. Dann dachte ich auch noch, bin ja selbst Betroffene, so ein Gespräch kann ja gar kein Problem sein. Als ich dann diese Aufnahme abhörte, war für mich klar, dass das nicht bis gar nicht selbstverständlich einfach ist. Ich hatte mir so ein Gespräch viel einfacher vorgestellt. Um einen Podcast aufzunehmen, muss man ganz viele Dinge anders machen. Da muss ich dann auch noch sehr viel lernen.

Nach der ersten Folge habe ich mich noch einmal ausgiebiger damit befasst und eine Struktur für kommende Gespräch festgelegt. Meine erste Annahme die Betroffenen erst einmal reden und erzählen zu lassen, war nicht ideal. Die Gesprächspartner sind nervös und aufgeregt, sie freuen sich auch endlich ihre Geschichte erzählen zu können, so das sich das dann auch ein bisschen unstrukturiert und chaotisch anhört. Das war bei dieser Aufnahme der Fall und deswegen habe ich jetzt eine klare Struktur, die ich mit meinen Gesprächspartnern vorher bespreche.

Die Gesprächspartner nehmen mit dir Kontakt auf. Ist dir von Anfang an die Geschichte der einzelnen Betroffenen vor der Aufnahme schon bekannt?

Ich kenne nur die Details die sie mir meist in der ersten E-Mail mitteilen. Mehr lasse ich mir auch nicht erzählen, denn ich finde, das macht das Gespräch viel authentischer, als wenn ich vorher die ganze Geschichte wüsste. Aber ich habe schon vorher gern viel und ausgiebigen Kontakt, meistens auch über Sprachnachrichten. Das heißt, ich weiß schon, wie die Stimme sich anhört, wie derjenige sich grundsätzlich ausdrückt. Ich kann mich dahingehend schon ein bisschen auf den Menschen einstellen und aus unserem Kontakt auch schon viel ablesen und vermuten, wie so ein Gespräch wahrscheinlich verlaufen wird. Die Struktur ist der Rahmen für das Gespräch, alles andere lasse ich auf mich zukommen.

Ich finde es ganz toll, dass du den Betroffenen auch die Möglichkeit bietest, ihre Geschichte für sie einzulesen. Die eigene Geschichte wiederzugeben wühlt auf, aber wie ist es für dich, eine fremde Geschichte zu lesen?

Ehrlich gesagt habe ich bisher nur eine Geschichte bekommen und die war tatsächlich auch noch wirklich speziell, da die Betroffene so unglaublich viele Dinge in ihrem Leben erlebt hat. Ich frage mich die ganze Zeit, wie kann ein Mensch so was alles erleben? Die Geschichte hat mich wirklich sehr beschäftigt. Es hat einen anderen Impact, als ein persönliches Gespräch, bei dem du ein Gegenüber hast. Man konzentriert sich ganz anders. So ein verfasster Text bringt eine große Verantwortung. Da kann schon ein Wort, was ich anders betone, die ganze Bedeutung des Satzes verändern und vielleicht nachher nicht mehr so sein, wie derjenige es meinte. Bei dieser Folge hat die Betroffene gesagt, das es dem total entsprach, was sie mitteilen wollte. Da habe ich mich total gefreut. Ich empfinde es als eine große Ehre das machen zu dürfen, deswegen versuche ich es mit dem größtmöglichen Respekt für die Betroffenen und ihre Geschichten einzulesen.

Dein Podcast ist auch für Nicht-Betroffene. Hast du schon ein Feedback, bzw. hat sich eigentlich schon ein Nicht-Betroffener bei dir gemeldet?

Ja. Zuerst von meinen Freunden. Von ihnen ist keiner betroffen, aber auch fremde Leute haben sich schon bei mir gemeldet. Das Feedback habe ich auf meiner Website veröffentlicht. Sie haben sich dafür bedankt, dass es sie zum Nachdenken und auch auf neue Ideen oder auf einen anderen Blickwinkel brachte, wie sie besser mit Betroffenen umgehen könnten. Ja, das war genau das, was ich damit erreichen wollte. Ich habe es am eigenen Leibe erfahren. Es ist unfassbar, was man da zu hören kriegt. Daher kommt ja auch der Name von meinem Podcast – „Das ist ja wohl eine Unverschämtheit“. Und es ist wirklich eine Unverschämtheit, was man zu hören kriegt. Und genau diesen Satz habe ich damals zu hören gekriegt, als ich auf die Frage was mit meiner Mutter passiert sei, antwortete, dass sich meine Mutter das Leben genommen hat. Deswegen liegt mir sehr am Herzen, dass dieser Podcast auch für Nicht-Betroffene da ist.

Das Wort Suizid überlagert alles so nachhaltig und löst oft völlig absurde Reaktionen aus, auch das kein Mensch mehr weiter fragt?

Ja, das stimmt. Nach dem Verstorbenen fragt keiner mehr. Aber ehrlich gesagt, nach uns auch nicht. Ja, ganz genau deswegen kam die ursprüngliche Idee zum Podcast. Ich möchte die Nicht-Betroffenen jetzt aufklären und den Betroffenen die Möglichkeit geben, die übrigens so dankbar dafür sind, endlich darüber reden zu können.

Du bist jetzt 20 Jahre entfernt. Ich bin jetzt 18 Jahre entfernt und es ist immer noch richtig, richtig beschissen. Das geht nicht weg und das wird immer so bleiben. Das müssen doch die Leute da draußen mal wissen und verstehen, dass da einfach ein anderer Umgang mit uns passieren muss.

Bei der öffentlichen Thematisierung von Suizid werden auch immer sofort Bedenken geäußert. Mit welchen Bedenken und Gedanken warst du konfrontiert?

Die Gedanken, wo die Gefahren liegen könnten, habe ich mir selbst gestellt. Es kamen die Stimmen, die es verwerflich finden, dass damit Menschen angezogen werden, deren Motivation eine Art von Sensationslust ist. Die wird es auf jeden Fall geben. Die menschliche Natur ist neugierig und ich finde es total legitim, wenn sich solche Leute das auch anhören. Ich bin überzeugt, dass das Gehörte mit denen etwas macht, auch wenn die ursprüngliche Motivation den Podcast zu hören vielleicht eine andere war. Mit den Leuten, mit denen es nichts macht, die können wir sowieso in einer großen Pfeife rauchen – denen ist gar nicht mehr zu helfen.

Wie hat eigentlich dein Umfeld, deine Familie und Freunde darauf reagiert?

Ehrlich gesagt, habe ich im Vorfeld, keinen gefragt, ich habe es einfach gemacht. Ich wollte nicht, dass mir einer reinredet und für mich erst herausfinden wie alles funktioniert, dann in Ruhe meinen eigenen Text einsprechen und alles auf mich wirken lassen. Als ich so weit war, habe ich meine Familie informiert und ihnen gesagt, wo sie es sich anhören können. Ich wollte ihr Go haben, und das haben sie mir gegeben. Meine Freunde bekamen eine Nachricht. Ja und dann, habe ich es einfach hochgeladen und geguckt was passiert. Ich wüsste nicht, wann sich das letzte Mal etwas so richtig angefühlt hat.

Du hast erzählt, dass du dir sehr viele Gedanken gemacht hast, und jetzt war der Moment da und dein Podcast war in der Welt. Wie waren die Reaktionen?

Natürlich war mir vorher klar, dass ich es mir wirklich gut überlegen muss, wen ich damit ansprechen will. Wo sind die Gefahren? Wo muss ich vorsichtig sein? Das ist schon schwierig. Auch, was kann das mit mir machen, wenn ich die Geschichten von den Betroffenen erzählt bekomme. Was ich noch zu hören kriegte, war das ich mir gut überlegen muss, ob ich jetzt für immer die sein will, deren Mutter sich das Leben genommen hat. Also quasi, wie mit einem Stigma behaftet. Da dachte ich nur, aber was denn für ein Stigma? Wieso soll ich denn nicht „die“ sein? Ich bin „die“ seit 17 Jahren. Es hat sich einfach richtig angefühlt. Umso richtiger, als dann die ersten Reaktionen auf meine Geschichte kamen und ich die ersten Betroffenen fand, die mit mir sprechen wollen. Es war einfach so richtig das zu machen, so überfällig.

Ja, das finde ich auch, außerdem verändert sich für dich nichts, ob mit oder ohne Podcast

Gleichzeitig ist es auch das Gute „die“ zu sein. Ich bin durch den Podcast und die Social Media Kanäle für alle sichtbar. Und sicher werden sich manche denken, das ist zwar die deren Mutter sich das Leben genommen hat, aber sie kommt klar in ihrem Leben, die lacht und ist auch fröhlich. Die sehen, man darf das auch sein. Klar, als Betroffener verbietet man sich das jahrelang auch zu einem gewissen Teil. Das lerne ich jetzt auch von allen Betroffenen. So gehts mir auch. Es sollen die Nicht-Betroffenen einfach sehen, man kann daraus auch gestärkt hervorgehen. Und vor allem, man muss doch keine Angst vor uns und dem Thema haben. Ich will den Leuten diese Berührungsängste nehmen.

Ein offener und angemessener Umgang mit dem Thema, würde definitiv einen großen Teil der Ängste nehmen. Dazu braucht man das miteinander Sprechen und wie du sagst, bitte keine Angst vor uns, wir haben das Schlimmste schon erlebt und ja, es hat intensive Spuren hinterlassen

Dass wird auch nie weggehen und das ist eine wichtige Message. Das merke ich an mir selbst und das merke ich jetzt an den ganzen Betroffenen, die sich bei mir melden und mit denen ich Kontakt habe. Ich will das endlich erzählen, und ich will das erzählen dürfen, und ich würde das gerne ungefragt erzählen dürfen. Und ich will nicht immer darauf warten müssen, dass mich einer fragt. Denn es fragt keiner. Alle Betroffenen lechzen danach, endlich frei erzählen zu können.

In der vierten Folge hatte ich eine Geschichte von einer Betroffenen vorgelesen. Auch sie erzählt, dass wenn mal einer danach fragt und auch selbst bei ihrem Psychotherapeuten, verpackt sie ihre Geschichte immer noch mit den Worten: „Das ist jetzt auch schon lange her und das ist ja jetzt auch schon gar nicht mehr schlimm“. Man schützt immer sein Gegenüber vor seiner eigenen Geschichte. Man formuliert immer so, dass es sich nicht ganz so schlimm anhört.

Das ist richtig. Man schont sein Gegenüber

Das ist ja so das Henne-Ei Prinzip. Uns spricht keiner an, weil die Angst haben, dass wir anfangen zu weinen und sie unsere Wunden wieder aufreißen. Wenn es aber zu einem Gespräch kommt, erzählen wir es aber wiederum verharmlost, um denjenigen nicht zum Weinen zu bringen…

Ein gegenseitiges „Geschone“ was aber völliger Quatsch ist. Dafür gibt es jetzt die Plattform, wo ich völlig unverblümt und schonungslos erzählen kann, wie es wirklich ist und war, und nicht schonen muss.

Quatsch trifft es ziemlich gut, auch wenn es auf unseren Erfahrungen basiert. Jeder in dieser Situation, auch ich, hat diesen oder mehrere Momente erlebt, indem man all seinen Mut zusammen nimmt, nachdem man gefragt wurde und dann seinem Gegenüber in klaren, direkten Worten sagt was passiert ist – und mit einem Mal schießen dem Gegenüber entweder die Tränen in die Augen, oder die Farbe weicht ihnen aus dem Gesicht und bei manchen verzieht sich das Gesicht zu einer völlig undefinierbaren Mimik.

Oder, dreht sich um und geht weg, weil es denen zu viel ist

Ja, ganz genau, beendet das Gespräch, sofort.

Und ja, ich muss jetzt auch weg.

Oh ja, diese Reaktionen brennen sich geradezu ein und man beginnt zu schonen – das Gegenüber, aber auch sich selbst.

Ich frage alle Betroffenen immer: „Was hättest du dir in der Situation damals gewünscht? Was hätte dir wirklich geholfen?

Mir haben alle meine Freunde damals signalisiert, „Hey, ich bin immer da für dich und du kannst mich jederzeit anrufen“. Ja, aber man ruft nicht an. Ich rufe doch nirgends an und sag, kannst du bitte jetzt kommen und mir geht es jetzt schlecht. Eine von den Betroffenen sagte, sie hätte einfach nur jemanden gebraucht, der sich mit ihr in die Sonne setzt. Und man muss ja gar nicht reden, einfach nur da sein. Auch ohne, dass man darum bitten muss.

Ich habe ein Buch gelesen von Saskia Jungnikl, das heißt, „Papa hat sich erschossen“. In dem habe ich mich so sehr wiedergefunden, und die hat es auch so ausgedrückt, „ich möchte lieber Nein sagen, ich möchte bitte heute lieber nicht darüber sprechen“, als sagen zu müssen „kann ich bitte heute darüber reden?“.

Und dann geht es gar nicht so sehr ums Sprechen, sondern einfach nur, dass einer da ist, einfach nur da. Man kann sowieso nichts sagen.

Das ist ja wohl eine Unverschämtheit

von Elisa Roth

Elisa ist 27 Jahre alt, als sich ihre Mutter das Leben nimmt.

Ihr Bedürfnis über ihren Verlust zu sprechen und einfach ihre Geschichte zu erzählen, kann nicht gestillt werden und begleitet sie seitdem.

Als ihr die Idee zu ihrem Podcast kommt, liegt bereits seit zwei Jahren ein Manuskript mit ihrer Geschichte unberührt in der Schublade. Sie beschließt mit dem Podcast eine Plattform zu schaffen, auf der Suizid-Betroffene offen und frei ihre Geschichte erzählen können und die Tabu-Themen Suizid und Depression unter dem Deckmantel des Schweigens hervorzuholen.

In den ersten beiden Folgen, hat sie ihre eigene Geschichte eingelesen und teilt ihre erlebten Erfahrungen. Mittlerweile haben sich etliche Suizid-Betroffene bei ihr gemeldet, es sind bereits sechs Folgen online und auch weitere schon geplant.

Bo Hauer
Gründerin & Geschäftsführerin

Zeigen wir, wie Erfahrung, Umgang und Auseinandersetzung mit Sterblichkeit unser Leben wirklich verändert. Für eine neue Annäherung an den Tod, das Sterben und die Trauer mit allen Facetten.
Es gibt Dinge die können wir gut.
Es gibt Dinge die können wir richtig gut
und dann gibt es Dinge die können besser werden.

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